Efeu: Eine der wertvollsten Bienenweiden im Herbst
Wenn die meisten Gartenpflanzen längst verblüht sind, beginnt für den Efeu erst die Blütezeit. Eine britische Langzeitauswertung unterstreicht nun eindrucksvoll, wie wichtig die unscheinbaren Blüten für Bienen, Schwebfliegen, Schmetterlinge und andere Insekten sind. Dabei bietet die immergrüne Kletterpflanze weit mehr als nur eine späte Nahrungsquelle.
Wer an einem sonnigen Oktobertag vor einem blühenden Efeu steht, erlebt häufig ein erstaunliches Schauspiel. Zwischen den grünlich-gelben Blütendolden herrscht reger Flugverkehr. Honigbienen, Wildbienen, Schwebfliegen, Wespen und gelegentlich auch Schmetterlinge besuchen die zahlreichen kleinen Blüten. Während sich viele andere Pflanzen bereits auf den Winter vorbereiten, gehört Efeu (Hedera helix) zu den letzten bedeutenden Nektar- und Pollenquellen des Gartenjahres.
Wie wertvoll diese oft wenig beachtete Pflanze tatsächlich ist, verdeutlicht eine aktuelle Auswertung des britischen Pollinator Monitoring Scheme. Seit 2017 erfassen freiwillige Beobachter, welche Blütenpflanzen von bestäubenden Insekten besucht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass ausgerechnet Pflanzen, die im Garten häufig als Unkraut betrachtet oder zurückgeschnitten werden, besonders viele Insekten anziehen.
Durchschnittlich 22 Insektenbesuche in zehn Minuten
Bei den standardisierten Blütenbeobachtungen erreichte Efeu im Durchschnitt 22 Insektenbesuche innerhalb von zehn Minuten und lag damit an der Spitze der untersuchten Pflanzen. Dahinter folgten unter anderem der Wiesen-Bärenklau mit durchschnittlich 20 sowie Brombeeren, Flockenblumen und Disteln mit jeweils etwa 14 Besuchen.
Diese Zahlen sind bemerkenswert, weil Efeu weder durch grosse noch durch besonders farbenprächtige Blüten auffällt. Seine kleinen, grünlich-gelben Einzelblüten stehen in kugeligen Dolden zusammen und bieten reichlich Nektar. Gerade die späte Blütezeit macht sie für zahlreiche Insekten besonders attraktiv.
Die britischen Daten lassen sich nicht ohne Weiteres auf sämtliche Schweizer Gärten übertragen. Sie bestätigen aber die grosse ökologische Bedeutung einer Pflanze, die bei uns weit verbreitet ist und häufig aus rein gestalterischen Gründen entfernt wird.
Die Efeu-Seidenbiene ist besonders auf Efeu angewiesen
Eine besondere Beziehung besteht zwischen Efeu und der Efeu-Seidenbiene (Colletes hederae). Diese Wildbienenart erscheint vergleichsweise spät im Jahr. Ihre Hauptflugzeit fällt mit der Blüte des Efeus zusammen, dessen Pollen sie bevorzugt zur Versorgung ihrer Nachkommen sammelt.
Doch auch andere Insekten profitieren von der späten Blüte. Honigbienen nutzen das Angebot an milden Herbsttagen, während Schwebfliegen und verschiedene Schmetterlingsarten die zuckerreiche Nahrung aufsuchen. Besonders der Admiral lässt sich im Herbst regelmässig an blühendem Efeu beobachten.
Eine wichtige Voraussetzung ist allerdings, dass die Pflanze überhaupt zur Blüte gelangt. Und genau daran scheitert es in vielen Gärten.
Warum nicht jeder Efeu blüht
Efeu durchläuft im Laufe seines Lebens zwei deutlich unterschiedliche Entwicklungsphasen. Junge Pflanzen bilden die bekannten drei- bis fünflappigen Blätter und klettern mithilfe ihrer Haftwurzeln an Mauern, Zäunen oder Baumstämmen empor. In diesem Jugendstadium entstehen keine Blüten.
Erst mit zunehmendem Alter entwickelt die Pflanze eine andere Wuchsform. Die Triebe werden strauchartig, die Blätter sind weniger stark gelappt und häufig rautenförmig. An diesen erwachsenen Trieben erscheinen im Spätsommer und Herbst die Blütendolden. Bis zum Erreichen dieser Entwicklungsphase können viele Jahre vergehen.
Wer seinen Efeu regelmässig stark zurückschneidet, verhindert deshalb unter Umständen dauerhaft die Blütenbildung. Für einen insektenfreundlichen Garten lohnt es sich, wenigstens einen Teil der Pflanze ungestört wachsen und ausreifen zu lassen.
Auch im Winter eine wertvolle Nahrungsquelle
Mit dem Ende der Blüte ist der ökologische Nutzen des Efeus keineswegs erschöpft. Aus den befruchteten Blüten entwickeln sich kleine, zunächst grüne und später dunkelblaue bis schwarze Früchte. Diese reifen über den Winter heran und stehen Vögeln häufig dann zur Verfügung, wenn andere Beeren längst abgefressen sind.
Amseln, Drosseln und verschiedene weitere Vogelarten nutzen die Früchte als Nahrung. Gleichzeitig bietet das dichte, immergrüne Laub geschützte Rückzugsorte für Insekten, Vögel und kleine Säugetiere. Auch als Nistplatz kann älterer Efeubewuchs wertvoll sein.
Hinzu kommt seine Bedeutung als Raupenfutterpflanze. Die Raupen verschiedener Nachtfalter sowie des Faulbaum-Bläulings können sich von Efeublättern ernähren. Damit trägt die Pflanze während nahezu des gesamten Jahres zur biologischen Vielfalt bei.
Efeu im Garten gezielt erhalten
Trotz seiner ökologischen Vorzüge muss Efeu nicht überall ungehindert wachsen dürfen. Die kräftige Kletterpflanze kann Dachrinnen, Fenster und andere Bauteile überwuchern und sollte dort regelmässig kontrolliert werden. An intakten Mauern und gesunden Bäumen ist Efeu dagegen nicht grundsätzlich schädlich. Probleme entstehen vor allem bei bereits beschädigtem Mauerwerk oder wenn starker Bewuchs die Kontrolle und Pflege erschwert.
Besonders sinnvoll ist es, Efeu an geeigneten Stellen im Garten bewusst zu erhalten. An älteren Mauern, Zäunen oder als immergrüne Begrünung weniger genutzter Bereiche kann er sowohl gestalterische als auch ökologische Aufgaben erfüllen. Wer einen Rückschnitt plant, sollte möglichst nicht sämtliche blühfähigen Triebe entfernen und bei dichtem Bewuchs auf brütende Vögel Rücksicht nehmen.
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