Pilze gegen Engerlinge – biologische Helfer im Kampf um den Rasen
Braune Flecken breiten sich im Rasen aus, das Gras lässt sich stellenweise beinahe wie ein Teppich abheben und darunter kommen dicke, weissliche Larven zum Vorschein. Engerlinge können innerhalb kurzer Zeit erhebliche Schäden anrichten. Weniger bekannt ist, dass ausgerechnet Pilze zu ihren natürlichen Gegenspielern gehören. Bestimmte Bodenpilze sind in der Lage, Engerlinge zu infizieren und abzutöten – und werden in der Schweiz schon seit Jahrzehnten gezielt zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt.
Besonders interessant sind dabei die Pilzgattungen Beauveria und Metarhizium. Sie gehören zu den sogenannten entomopathogenen Pilzen, also Pilzen, die Insekten befallen. Ihre Sporen haften an der Körperoberfläche der Larven, keimen aus und dringen durch deren Haut in den Körper ein. Dort breitet sich der Pilz aus, bis der Engerling schliesslich abstirbt. Auf dem toten Tier können wiederum neue Sporen entstehen, die weitere Larven infizieren.
Schweizer Forschung mit langer Tradition
Die biologische Engerlingsbekämpfung mit Pilzen ist keineswegs eine neue Modeerscheinung. Agroscope beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit diesen natürlichen Gegenspielern. In der Schweizer Sammlung entomopathogener Pilze befinden sich mittlerweile rund 3'000 verschiedene Isolate. Die meisten gehören zu den Gattungen Beauveria und Metarhizium und wurden aus Bodenproben oder direkt von Engerlingen isoliert.
Die Idee dahinter ist bestechend: Statt einen breit wirkenden Wirkstoff gegen Bodenorganismen einzusetzen, nutzt man einen natürlichen Gegenspieler des Schädlings. Ein geeigneter Pilzstamm wird vermehrt und gezielt dort in den Boden eingebracht, wo die Larven vorkommen.
Traditionell geschieht dies mit sogenannter Pilzgerste. Dabei werden sterilisierte Gerstenkörner mit dem gewünschten Pilz besiedelt und anschliessend mehrere Zentimeter tief in den Boden eingebracht. Dort bildet der Pilz Sporen und kommt mit den Engerlingen in Kontakt. Bei geeigneten Bedingungen kann er sich nach der Behandlung weiter im Boden halten.
Neu sind flüssige Formulierungen
Inzwischen gibt es die Engerlingspilze auch in flüssiger Form. Für den professionellen Einsatz werden in der Schweiz beispielsweise Metapro liquid und Beaupro liquid angeboten. Der Vorteil gegenüber der klassischen Pilzgerste liegt vor allem in der einfacheren Handhabung. Die Pilzsporen können mit Wasser ausgebracht beziehungsweise bei grösseren Flächen gezielt in den Boden injiziert werden.
Metapro liquid enthält einen Stamm von Metarhizium und wird gegen die Engerlinge von Gartenlaub- und Junikäfern eingesetzt. Beaupro liquid basiert dagegen auf Beauveria brongniartii und richtet sich gegen Maikäferengerlinge. Die flüssigen Formulierungen sind zudem länger lagerfähig als die empfindliche Pilzgerste.
Damit wird allerdings auch deutlich, wie wichtig eine korrekte Bestimmung der Larven ist: Engerling ist nicht gleich Engerling und der falsche Pilz kann am falschen Schädling vorbeiwirken.
Erst bestimmen, dann bekämpfen
Gerade in Rasenflächen treten häufig die Larven von Gartenlaub- und Junikäfern auf. Maikäferengerlinge können ebenfalls grosse Schäden verursachen, sind jedoch häufiger ein Problem in Wiesen, Weiden und landwirtschaftlichen Kulturen.
Eine erste Unterscheidung ist erstaunlich einfach. Legt man einen Engerling auf eine glatte Fläche, können sich die Larven von Gartenlaub- und Junikäfern auf ihren Beinen fortbewegen. Maikäferengerlinge bleiben dagegen stark gekrümmt, liegen meist seitlich und kommen kaum gezielt vorwärts. Für eine eindeutige Bestimmung sind allerdings weitere Merkmale notwendig.
Besondere Vorsicht ist bei Rosenkäferengerlingen geboten. Sie sehen den schädlichen Engerlingen ähnlich, ernähren sich aber überwiegend von abgestorbenem organischem Material und spielen beispielsweise im Kompost eine wichtige Rolle bei dessen Zersetzung. Im Garten sollten sie deshalb nicht bekämpft werden.
Der Pilz braucht die richtigen Bedingungen
Auch ein biologisches Pflanzenschutzmittel funktioniert nicht unabhängig von seiner Umgebung. Die Pilzsporen müssen in den Boden und damit dorthin gelangen, wo sich die Engerlinge aufhalten. Feuchtigkeit spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Bei der klassischen Pilzgerste werden die bewachsenen Körner etwa fünf bis acht Zentimeter tief eingebracht. Licht und Wärme können das lebende Material bei falscher Lagerung dagegen schnell schädigen.
Die Wirkung unterscheidet sich damit grundsätzlich von einem schnell wirkenden Insektizid. Der Pilz muss zunächst auf den Engerling treffen, keimen und die Larve infizieren. Dafür kann sich der natürliche Gegenspieler unter geeigneten Bedingungen im Boden etablieren und weitere Engerlinge erfassen.
Besonders empfänglich sind häufig junge Larven. Deshalb entscheidet neben der richtigen Käferart auch der Zeitpunkt über den Erfolg einer Behandlung.

Käferlarve, die mit dem Pilz Metarhizium infiziert ist Foto: CSIRO
Nicht jeder Engerlingspilz ist für den Hausgarten bestimmt
Für Gartenbesitzer in der Schweiz gibt es dabei einen wichtigen Punkt zu beachten. Die Zulassung eines biologischen Pflanzenschutzmittels bedeutet nicht automatisch, dass es auch von Privatpersonen verwendet werden darf. Die Vorschriften für Pflanzenschutzmittel im Hausgarten wurden verschärft.
Das beispielsweise gegen Maikäferengerlinge eingesetzte Beaupro darf seit Ende Oktober 2025 nicht mehr an Privatpersonen verkauft werden. Hintergrund sind nicht ökologische Bedenken gegenüber dem Pilz selbst, sondern Anforderungen an den Anwenderschutz: Beim Umgang mit den feinen Pilzsporen ist ein Atemschutz vorgeschrieben.
Die neuen flüssigen Pilzformulierungen werden deshalb vor allem für den professionellen Garten- und Landschaftsbau, öffentliche Grünflächen und landwirtschaftliche Anwendungen angeboten. Für Privatgärten stehen je nach Engerlingsart unter anderem Nematoden als biologische Alternative zur Verfügung.
Wenn der Rasen plötzlich verschwindet
Ein Engerlingsbefall wird oft erst bemerkt, wenn der Schaden bereits deutlich sichtbar ist. Die Larven fressen die Wurzeln der Gräser ab. Bei starkem Befall verliert die Grasnarbe ihre Verbindung zum Boden und lässt sich teilweise regelrecht abheben. Zusätzlich können Vögel, Dachse oder andere Tiere den Rasen auf der Suche nach den nahrhaften Larven aufreissen.
Wer Engerlinge findet, sollte deshalb nicht sofort zu einer Bekämpfung greifen. Der erste Schritt ist immer die Bestimmung der Art. Erst danach lässt sich entscheiden, ob überhaupt ein Schädling vorliegt und welche biologische Massnahme sinnvoll ist.
Dass dabei ausgerechnet mikroskopisch kleine Pilze eine wichtige Rolle spielen können, zeigt, wie ausgeklügelt biologischer Pflanzenschutz inzwischen geworden ist. Was im Boden wie ein unsichtbarer Kampf aussieht, ist letztlich die gezielte Nutzung eines natürlichen Vorgangs: Ein Organismus hält einen anderen in Schach.
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