Mehlwürmer als Abfallverwerter
Insekten können grosse Mengen an organischem Abfall verwerten. Auch die Produktion von Insekten als Lebensmittel ist möglich. Nicht erlaubt ist aber derzeit die Doppelnutzung.
Insekten können grosse Mengen an organischem Abfall verwerten. Auch die Produktion von Insekten als Lebensmittel ist möglich. Nicht erlaubt ist aber derzeit die Doppelnutzung.
Mittlerweile ist der Anblick von Plastikbeutel gefüllt mit getrockneten oder frittierten Insekten in den Regalen der Grossverteiler nicht mehr ganz so ungewohnt wie noch im Mai 2017. Damals wurden in der Schweiz drei Arten von Insekten vom Bund offiziell zum Verzehr zugelassen: Mehlwürmer, Grillen und Heuschrecken. Doch stehen Insekten noch immer selten auf dem Einkaufszettel der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten; Insekten als alternative Proteinquelle sind bisher ein Nischenprodukt geblieben. «Aber die Nachfrage nach Insekten wächst relativ stabil auf tiefem Niveau und das Interesse an Insekten nimmt laufend zu», sagt Timothée Olivier, Sprecher des Verbands Swiss Insects (siehe Box).
Mit Insekten gegen Abfallprobleme
Die Ensectable AG, Mitglied beim Verband Swiss Insects, züchtet in der Schweiz Mehlwürmer unter Verwendung von sogenannten «Sidestreams», also Futtermittel, welche für die menschliche Ernährung nicht oder nur in geringem Umfang verwendbar sind. Grundsubstrat sind Weizenkleie sowie andere Müllerei-Nebenprodukte, wie Timothée Olivier erklärt. Dazu kommen Biertreber aus einer Bio-Brauerei sowie Rüebli oder Salate vom Nachbarbetrieb.
Hier tut sich eine weitere Einsatzmöglichkeit von Insekten auf: Die Beseitigung von Abfall. In Australien werden dafür seit Kurzem Schwarze Soldatenfliegen eingesetzt. Die Fliegen ernähren sich von landwirtschaftlichen Abfällen. Dabei entstehen gemäss dem natürlichen Lebenszyklus der Insekten auch Larven. Diese, aber auch die Exkremente der Insekten, sind reich an Proteinen. Landwirtschaftliche Abfälle können so in hochwertige Düngemittel und potenziell in Proteinquellen für Viehfutter - vor allem Schweinefutter - umgewandelt werden, erklärte Sasha Jenkins vom Agrar-Institut der University of Western Australia (UWA) laut einer Mitteilung.
Ein ähnliches Projekt ist für die Firma Ensectable aus zwei Gründen nicht denkbar: Erstens sind Soldatenfliegen in der Schweiz offiziell nicht zur Insektenzucht zugelassen und zweitens züchtet die Firma ausschliesslich Insekten für die menschliche Ernährung. «Tierfutter passt nicht in unser Konzept. Mit jeder zusätzlichen Stufe der Nahrungskette geht wertvolle Energie verloren», sagt Olivier. Mit wissenschaftlicher Akribie habe das Ensectable-Team bestehend aus dem Tierarzt Benjamin Steiner, der Tierpflegerin Mina Gloor und dem Business-Spezialisten Christian Bärtsch erforscht, wie man Insekten am effizientesten züchtet. Dieses Wissen gibt das Ensectable-Team via den Verband Swiss Insects (siehe Box) auch an Interessierte weiter und bietet Workshops und Schulbesuche an.Styropor als Nahrung
Trotzdem seien Insekten auch in der Schweiz zur Vernichtung von Abfallprodukten denkbar. So könnten zum Beispiel Mehlwürmer Gemüseabfall verzehren. Oder auch Nebenprodukte aus der Soja-Verarbeitung, organische Reste aus der Gastronomie oder sogar Mist. Auch Kunststoffe können verwertet werden; in einer viel beachteten Studie habe aufgezeigt werden können, dass der Mehlwurm sich von Styropor ernähren könne, sagt Timothée Olivier. Dabei sind Insekten erstaunlich effiziente Futterverwerter. «Studien gehen in optimistischen Szenarien davon aus, dass Werte von bis zu 2:1 möglich sind. Das heisst 2 Kilogramm Futter ergeben 1 Kilogramm Insekten», sagt Olivier. Ein Hinweis darauf, dass Insekten vielleicht bald einen wesentlichen Teil von Abfallproblemen lösen könnten, vermutet Olivier. Doch nur, wenn es gelinge, den Markt für Futterinsekten und essbare Insekten entsprechend auszubauen und zu etablieren. Zudem wäre die Grundbedingung dafür, dass parallel dazu eine generelle Reduktion von Abfall erreicht werden kann.Doppelnutzung ist noch nicht möglich
Wer liest, dass Mehlwürmer Mist oder Styropor fressen, mag sich fragen, ob diese Insekten anschliessend als essbare Insekten zum Grossverteiler gelangen. «Aktuell muss man diese Frage mit ‘Nein’ beantworten. Abfallverwerter sind keine Proteinproduzenten», sagt Olivier. Die Anforderungen an die Lebensmittelproduktion seien hoch. Die Lebensmittelgesetzgebung regelt genau, welche Stoffe als Futtermittel verwendet werden dürfen. Und das sei auch gut so, betont Olivier: «Wir haben aus vergangenen Skandalen wie BSE oder Schweinepest unsere Lehren gezogen». Trotzdem sollte aus seiner Sicht die Frage nach einer Doppelnutzung der Insekten in Zukunft erneut aufgerollt werden. «Insekten sind genetisch sehr weit vom Menschen entfernt - viel weiter als Rinder oder Schweine. Darum ist es gut möglich, dass in Zukunft solche ‘Mischnutzungen’ unter Auflagen möglich sein werden», sagt Timothée Olivier. Zudem werden zum Beispiel die Mehlwürmer der Firma Ensectable bereits heute mit Gemüse gefüttert, das nicht der Norm entspricht und deshalb nicht verkauft werden kann. So gesehen tragen die Würmer bereits heute etwas gegen Food Waste bei.
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