Frostspanner: Obstbäume im Herbst schützen
Ob jetzt nun der kleine oder der grosse Frostspanner seinen Stamm emporstrebt, dürfte dem Apfelbaum so ziemlich egal sein. Sorgt er sich doch mehr um seine Blätter, Blüten und Früchte im Folgejahr, wenn die Raupen des Frostspanners im April ihre Fresstätigkeit aufnehmen. Denn wenn im Herbst die Temperaturen sinken und die ersten kalten Nächte einsetzen, beginnt für den Kleinen Frostspanner eine wichtige Phase seines Lebenszyklus. Während die unscheinbaren Männchen durch die Gärten fliegen, kriechen die nahezu flügellosen Weibchen an den Baumstämmen hoch.
Besonders gefährdet sind Obstbäume wie Apfel, Birne, Kirsche und Zwetschge. Aber auch zahlreiche andere Laubgehölze können befallen werden. Wer den Schädling kennt und rechtzeitig handelt, kann einem stärkeren Befall mit vergleichsweise einfachen Mitteln vorbeugen.
Ein unscheinbarer Schmetterling mit besonderem Lebenszyklus
Der Kleine Frostspanner (Operophtera brumata) gehört zu den Schmetterlingen und ist in weiten Teilen Europas verbreitet. Auffällig ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während die graubraunen Männchen normal entwickelte Flügel besitzen, haben die Weibchen nur stark verkürzte Flügel und können nicht fliegen.
Nach dem Schlupf im Spätherbst wandern die Weibchen vom Boden aus an den Baumstämmen nach oben. Dort werden sie von den flugfähigen Männchen begattet und legen ihre Eier in der Nähe von Knospen, in Rindenritzen und an dünnen Zweigen ab.
Die Eier überwintern am Baum. Im Frühjahr, etwa zur Zeit des Knospenaustriebs, schlüpfen die jungen Raupen und beginnen mit ihrer Frasstätigkeit. Der genaue Zeitpunkt hängt von der Witterung und der Entwicklung der Wirtspflanzen ab.
Woran erkennt man einen Frostspannerbefall?
Die Raupen des Kleinen Frostspanners sind meist grünlich gefärbt und besitzen die für Spannerraupen typische Fortbewegungsweise. Sie ziehen den hinteren Körperabschnitt nach vorne und strecken sich anschliessend wieder aus. Dadurch entsteht die charakteristische, an einen gespannten Bogen erinnernde Bewegung.
An Obstbäumen fressen die jungen Raupen zunächst an austreibenden Knospen und jungen Blättern. Später können sie auch Blüten und junge Früchte beschädigen. Typisch sind unregelmässige Frassstellen, durchlöcherte Blätter und teilweise zusammengezogene oder eingesponnene Blattpartien.
Bei starkem Befall können ganze Triebe kahlgefressen werden. Gesunde, gut eingewachsene Bäume erholen sich häufig von einem einmaligen Blattverlust. Wiederholter starker Frass kann die Pflanzen jedoch schwächen und insbesondere bei Obstbäumen den Ertrag beeinträchtigen.
Leimringe rechtzeitig anbringen
Eine bewährte vorbeugende Massnahme gegen den Kleinen Frostspanner sind Leimringe. Sie werden im Herbst am Stamm befestigt und sollen verhindern, dass die flugunfähigen Weibchen in die Baumkrone gelangen.
Der richtige Zeitpunkt liegt in der Regel im Oktober, bevor die Hauptwanderung der Weibchen beginnt. In milden Lagen und bei entsprechender Witterung kann die Aktivität über einen längeren Zeitraum andauern. Deshalb sollten die Leimringe nicht nach einem starren Kalenderdatum entfernt werden.
Wichtig ist, dass der Leimring den Stamm vollständig umschliesst und möglichst eng an der Rinde anliegt. Bei stark strukturierter Borke müssen Hohlräume unter dem Ring vermieden werden, da die Weibchen sonst darunter hindurchkriechen können.
Auch Stützpfähle und andere Verbindungen zur Baumkrone sollten kontrolliert werden. Können die Weibchen über einen Pfahl oder eine andere Verbindung nach oben gelangen, verliert der Leimring am Stamm einen Teil seiner Wirkung.
Leimringe regelmässig kontrollieren
Leimringe sind keine Massnahme, die nach dem Anbringen vergessen werden sollte. Laub, Staub und andere Verunreinigungen können die Klebefläche mit der Zeit unwirksam machen. Herabfallende Blätter können ausserdem Brücken bilden, über die Insekten den Ring überwinden.
Bei der Kontrolle sollte auch darauf geachtet werden, ob sich unbeabsichtigt andere Tiere auf der Klebefläche verfangen haben. Leimringe wirken nicht selektiv und können deshalb auch Nützlinge und andere Kleintiere beeinträchtigen. Sie sollten nur dort eingesetzt werden, wo tatsächlich ein entsprechendes Befallsrisiko besteht.
Im Frühjahr müssen die Ringe rechtzeitig entfernt und fachgerecht entsorgt werden. Ein dauerhaft am Stamm verbleibender Leimring ist weder notwendig noch sinnvoll.
Was tun, wenn im Frühjahr Raupen auftreten?
Trotz vorbeugender Massnahmen können im Frühjahr Frostspannerraupen auftreten. Leimringe verhindern nicht jeden Befall, denn Raupen können beispielsweise auch von benachbarten Bäumen eingetragen werden.
Zunächst sollte das Ausmass des Schadens beurteilt werden. Einzelne Raupen und einige angefressene Blätter sind noch kein Grund für eine Bekämpfung. Gerade ältere, kräftige Bäume können einen gewissen Blattfrass ohne nachhaltige Schäden verkraften.
Bei jungen Obstbäumen oder einem deutlich stärkeren Befall kann eine gezielte Behandlung sinnvoll sein. Entscheidend ist dabei, die Raupen möglichst früh zu erfassen, solange sie noch klein sind und aktiv fressen.
Biologische Bekämpfung mit Bacillus thuringiensis
Präparate auf Basis des Bakteriums Bacillus thuringiensis können gegen bestimmte Schmetterlingsraupen eingesetzt werden. Die Raupen müssen den Wirkstoff beim Fressen aufnehmen. Deshalb ist eine Behandlung besonders bei jungen, aktiv fressenden Raupen erfolgversprechend.
Die Wirkung hängt unter anderem von der Temperatur, dem Entwicklungsstadium der Raupen und einer ausreichenden Benetzung der behandelten Pflanzenteile ab. Gegen Eier oder ausgewachsene Schmetterlinge ist diese Methode nicht geeignet.
Für die Anwendung in der Schweiz ist entscheidend, ob das jeweilige Produkt für die betreffende Kultur und den vorgesehenen Einsatz zugelassen ist. Die Angaben auf der Etikette und die geltenden Anwendungsvorschriften müssen eingehalten werden.
Eine vorbeugende Spritzung ohne festgestellten Befall ist nicht sinnvoll.
Sind Winterspritzungen notwendig?
Früher wurden im Obstgarten häufig Winterspritzungen gegen verschiedene überwinternde Schädlinge empfohlen. Solche Behandlungen sollten heute deutlich differenzierter betrachtet werden.
Eine pauschale Ölbehandlung gegen Frostspanner ist nicht zu empfehlen. Ob ein Pflanzenschutzmittel gegen bestimmte Entwicklungsstadien eines Schädlings eingesetzt werden darf und sinnvoll ist, hängt von seiner Zulassung, der Kultur und dem richtigen Anwendungszeitpunkt ab.
Im Hausgarten ist es meist zweckmässiger, zunächst auf regelmässige Kontrollen, vorbeugende Massnahmen und eine gezielte Behandlung bei tatsächlichem Bedarf zu setzen.
Natürliche Gegenspieler fördern
Frostspanner sind Teil des natürlichen Nahrungsnetzes. Ihre Raupen dienen zahlreichen Vogelarten als Nahrung, insbesondere während der Aufzucht ihrer Jungen. Auch verschiedene räuberische und parasitische Insekten tragen dazu bei, die Populationen zu begrenzen.
Ein vielfältig gestalteter Garten mit heimischen Gehölzen, blühenden Pflanzen und geeigneten Rückzugsräumen unterstützt diese natürlichen Gegenspieler. Ein solcher Garten verhindert einen Frostspannerbefall zwar nicht zuverlässig, kann aber zu einem ausgeglicheneren ökologischen Umfeld beitragen.
Fazit: Vorbeugen im Herbst, kontrollieren im Frühjahr
Der Kleine Frostspanner kann vor allem an Obstbäumen erhebliche Frassschäden verursachen. Seine besondere Lebensweise bietet jedoch eine gute Möglichkeit zur Vorbeugung: Da die Weibchen nicht fliegen können, lässt sich ihre Wanderung in die Baumkronen mit sachgerecht angebrachten Leimringen einschränken.
Im Frühjahr kommt es darauf an, die jungen Raupen und mögliche Frassschäden frühzeitig zu erkennen. Nicht jeder Befall muss behandelt werden. Bei stärkerem Auftreten können geeignete biologische Pflanzenschutzmittel infrage kommen, sofern sie für die jeweilige Anwendung in der Schweiz zugelassen sind.
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