Torffreie Erde ist nicht automatisch nachhaltiger
Torffreie Blumenerde gilt vielen Gartenbesitzern als die umweltfreundlichere Alternative. Schließlich werden für den Abbau von Torf wertvolle Moorflächen beeinträchtigt und bei der Nutzung von Torf große Mengen gebundenen Kohlenstoffs freigesetzt. Doch ganz so einfach ist die Rechnung offenbar nicht.
Eine aktuelle Untersuchung von Wageningen University & Research (WUR) zeigt, dass ein Kultursubstrat mit einem niedrigen CO₂-Fußabdruck nicht automatisch auch in seiner gesamten Umweltbilanz besser abschneidet.
Die Forscher haben dafür zwölf häufig verwendete Ausgangsstoffe und 30 verschiedene Substratmischungen untersucht. Dabei wurden neben den Auswirkungen auf das Klima zahlreiche weitere Umweltfaktoren berücksichtigt.
Das Ergebnis zeigt: Wer nachhaltige Blumenerde beurteilen möchte, sollte nicht nur fragen, ob sie Torf enthält.
Warum Torf überhaupt problematisch ist
Torf entsteht über sehr lange Zeiträume in Mooren.
Unter wassergesättigten Bedingungen werden abgestorbene Pflanzenreste nur sehr langsam abgebaut. Dadurch speichern Moore große Mengen Kohlenstoff.
Werden Moorflächen entwässert und Torf abgebaut, kann ein Teil dieses gespeicherten Kohlenstoffs als Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen. Gleichzeitig gehen besondere Lebensräume verloren.
Aus diesen Gründen steht Torf als Bestandteil von Blumenerden und professionellen Kultursubstraten seit Jahren zunehmend in der Kritik.
Torffreie und torfreduzierte Substrate enthalten stattdessen beispielsweise Holzfasern, Kompost, Rindenprodukte oder Kokosfasern.
Doch genau hier beginnt das Problem, auf das die neue Untersuchung aus Wageningen aufmerksam macht.
Auch Torfersatz hat einen ökologischen Fußabdruck
Die Wissenschaftler von Wageningen University & Research untersuchten die Umweltwirkungen verschiedener Substratbestandteile über eine sogenannte Lebenszyklusanalyse, kurz LCA.
Dabei wird nicht ausschließlich betrachtet, wie viel Kohlendioxid mit einem Produkt verbunden ist.
Auch andere Umweltwirkungen spielen eine Rolle.
Dazu gehören beispielsweise die Versauerung von Ökosystemen, Nährstoffeinträge in Gewässer, Luftverschmutzung sowie Auswirkungen, die bei Gewinnung, Verarbeitung und Transport der Ausgangsstoffe entstehen können.
Das führt teilweise zu überraschenden Ergebnissen.
Ein Material kann beim Klimaschutz gut abschneiden und bei anderen Umweltkriterien deutlich schlechter.
Kokosfasern zeigen das Problem besonders gut
Kokosfasern beziehungsweise Kokosmark werden heute häufig als Ersatz für Torf eingesetzt.
Das Material entsteht aus Bestandteilen der Kokosnuss und besitzt Eigenschaften, die es für Kultursubstrate interessant machen.
Beim reinen Klimaeffekt schneiden Kokosprodukte laut der Wageninger Untersuchung wesentlich günstiger ab als Torf.
Damit ist die Umweltbilanz jedoch noch nicht abgeschlossen.
Die Kokospalmen müssen angebaut werden. Das Ausgangsmaterial wird verarbeitet und für den europäischen Markt über große Entfernungen transportiert.
Dabei entstehen wiederum Umweltwirkungen, etwa durch Energieverbrauch, Nährstoffbelastungen, Luftschadstoffe und Transport.
Die Wissenschaftler warnen deshalb davor, einen problematischen Rohstoff einfach durch einen anderen zu ersetzen und daraus automatisch auf eine bessere Gesamtbilanz zu schließen.
Forscher vergleichen zwölf Rohstoffe und 30 Mischungen
Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler aktuelle Daten aus Industrie, Forschung und bestehenden Datenbanken aus.
Insgesamt wurden zwölf häufig verwendete Ausgangsstoffe und 30 Substratmischungen aus sieben Anwendungsbereichen miteinander verglichen.
Dazu gehörten Substrate für Gemüsebau, Beerenobst, Topf- und Zierpflanzen, Baumschulen sowie Produkte für den Hobbygarten.
Die Studie wurde im September 2026 im wissenschaftlichen Fachjournal Journal of Cleaner Production veröffentlicht.
Neben dem Klimaeffekt wurden insgesamt 16 Umweltwirkungskategorien in die Gesamtbewertung einbezogen.
Dabei zeigte sich, dass sich bei vier von sieben untersuchten Anwendungsgruppen die Reihenfolge der Substratmischungen änderte, sobald nicht mehr ausschließlich der Klimawandel betrachtet wurde.
Das ist ein bemerkenswertes Ergebnis.
Eine Mischung mit Torf kann in der Gesamtbetrachtung besser abschneiden
Besonders anschaulich wird das bei einem Beispiel aus dem Gemüsebau.
Eine untersuchte Mischung mit einem Torfanteil von 50 Prozent hatte innerhalb ihrer Vergleichsgruppe den höchsten Einfluss auf den Klimawandel.
Betrachteten die Wissenschaftler jedoch die verschiedenen Umweltwirkungen gemeinsam, erreichte genau diese Mischung innerhalb der Gruppe die niedrigste Gesamtbelastung.
Umgekehrt hatten einige Mischungen mit einem hohen Anteil an Kokosprodukten zwar einen niedrigeren Klimaeinfluss, schnitten bei der übergreifenden Umweltbewertung jedoch schlechter ab.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Torf plötzlich als nachhaltiger Rohstoff gelten kann.
Das Ergebnis zeigt vielmehr, wie schwierig es ist, Nachhaltigkeit auf einen einzigen Messwert zu reduzieren.
Holzfasern schneiden beim Klimaeffekt gut ab
Auch bei den einzelnen Ausgangsstoffen zeigten sich große Unterschiede.
In der Untersuchung hatten Holzfasern mit rund 15 Kilogramm CO₂-Äquivalent pro Kubikmeter einen besonders niedrigen Klimaeffekt.
Expandierter Perlit lag bei rund 33 Kilogramm.
Deutlich höher lagen weißer Torf mit etwa 219 Kilogramm und schwarzer Torf mit etwa 390 Kilogramm CO₂-Äquivalent pro Kubikmeter.
Interessanterweise lag auch der untersuchte Grünkompost beim Klimaindikator mit etwa 249 Kilogramm relativ hoch. Die Wissenschaftler weisen bei diesem Wert allerdings ausdrücklich auf eine erhebliche Unsicherheit in der Datengrundlage hin.
Die Zahlen zeigen vor allem eines: Begriffe wie „erneuerbar“, „natürlich“ oder „torffrei“ reichen allein nicht aus, um die Umweltwirkung eines Substrats zuverlässig einzuschätzen.
Weltweit wird immer mehr Kultursubstrat benötigt
Das Thema dürfte in Zukunft noch wichtiger werden.
Nach Angaben der Forscher wurden im Jahr 2022 weltweit rund 116 Millionen Kubikmeter Kultursubstrate verwendet.
Bis zum Jahr 2050 könnte die Nachfrage auf das 2,5- bis 2,9-Fache steigen.
Dahinter steht nicht nur der klassische Hobbygarten.
Auch der professionelle Gemüsebau, Baumschulen, Zierpflanzenproduktion und andere Formen des Gartenbaus benötigen große Mengen geeigneter Substrate.
Die Frage, aus welchen Rohstoffen diese künftig hergestellt werden, bekommt deshalb eine erhebliche ökologische Bedeutung.
Auch die gärtnerischen Eigenschaften zählen
Die Umweltbilanz eines Substrates endet zudem nicht beim Sack Blumenerde.
Ein entscheidender Punkt soll deshalb Bestandteil weiterer Untersuchungen werden: Wie gut funktionieren die unterschiedlichen Mischungen tatsächlich beim Anbau der Pflanzen?
Das ist wichtiger, als es zunächst klingt.
Benötigt ein vermeintlich nachhaltiges Substrat beispielsweise wesentlich mehr Wasser oder Dünger, kann ein Teil seines ökologischen Vorteils wieder verloren gehen.
Auch die Haltbarkeit und Strukturstabilität spielen eine Rolle.
Holzfasern, Kompost, Rinde oder Kokosfasern besitzen unterschiedliche Eigenschaften bei Wasserspeicherung, Luftführung und Nährstoffversorgung.
Deshalb bestehen hochwertige torffreie Substrate häufig nicht aus einem einzigen Ersatzstoff, sondern aus einer gezielt abgestimmten Mischung mehrerer Komponenten.
Was bedeutet die Untersuchung für Hobbygärtner?
Die Untersuchung aus Wageningen ist kein Grund, wieder bedenkenlos zur klassischen Torferde zu greifen.
Die erheblichen Klimawirkungen und ökologischen Folgen des Torfabbaus bleiben bestehen.
Sie zeigt aber, dass die einfache Gleichung
torffrei = automatisch nachhaltig
zu kurz greift.
Wer beim Kauf einer Blumenerde genauer hinschauen möchte, kann deshalb auch einen Blick auf die Zusammensetzung werfen.
Mischungen aus verschiedenen Ausgangsstoffen können sinnvoller sein als Produkte, bei denen lediglich große Mengen Torf durch einen einzigen Ersatzstoff ausgetauscht wurden.
Auch die Herkunft der Rohstoffe spielt eine Rolle.
Regional verfügbare Holzfasern, Rindenprodukte oder geeignete Komposte können lange Transportwege vermeiden. Ob eine bestimmte Mischung tatsächlich ökologisch besser ist, lässt sich jedoch nicht allein aus der Zutatenliste ablesen.
Genau deshalb plädieren die Forscher für umfassendere Bewertungsmethoden.
Nicht nur auf das Etikett „torffrei“ schauen
Für Gartenbesitzer bleibt torffreie Erde grundsätzlich ein wichtiger Baustein beim Schutz von Mooren und Klima.
Doch die nächste Entwicklungsstufe muss weitergehen.
Statt lediglich Torf durch irgendeinen anderen Rohstoff zu ersetzen, müssen Substrate so zusammengesetzt werden, dass Rohstoffgewinnung, Transport, Wasserverbrauch, Düngung, Haltbarkeit und Pflanzenwachstum gemeinsam berücksichtigt werden.
Die Untersuchung aus Wageningen macht damit auf einen wichtigen Punkt aufmerksam:
Nachhaltigkeit ist keine einzelne Zahl auf einem Sack Blumenerde.
Eine wirklich nachhaltige Erde muss sowohl beim Klimaschutz als auch bei anderen Umweltwirkungen und nicht zuletzt bei ihrer gärtnerischen Leistung überzeugen.
Für Hersteller bedeutet das eine anspruchsvolle Aufgabe.
Für Gartenbesitzer bedeutet es vor allem, dass sich ein genauerer Blick auf das Produkt lohnt.
Quelle und wissenschaftlicher Hintergrund
Grundlage dieses Beitrags ist eine am 3. September 2026 veröffentlichte Mitteilung von Wageningen University & Research (WUR) über die Untersuchung „Life cycle assessment of growing media: a baseline dataset for European horticulture“.
Die wissenschaftliche Studie von Elizabeth Migoni Alejandre und weiteren Autoren erschien am 5. September 2026 im Journal of Cleaner Production. Untersucht wurden zwölf Ausgangsstoffe und 30 Kultursubstratmischungen anhand einer Lebenszyklusanalyse mit mehreren Umweltwirkungskategorien.
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