Staudengiganten für den Garten
Es gibt Pflanzen, deren Schönheit und Verwendungsmöglichkeiten man sich immer wieder in Erinnerung rufen sollte. Ganz besonders gilt das für Grossstauden. Mit ihrer beeindruckenden Höhe, ihrem oft monumentalen Blattwerk und ihrer aussergewöhnlichen Wuchsform können sie einem Garten eine völlig neue Dimension verleihen.
Grossstauden gehören zu den eindrucksvollsten Gestaltungselementen im Garten. Innerhalb weniger Monate entwickeln sich aus unscheinbaren Austrieben stattliche Pflanzen, die zwei Meter und mehr erreichen können. Manche beeindrucken durch mächtige Blätter, andere durch hohe Blütenstände oder filigrane, beinahe schwebende Strukturen.
Viele dieser Stauden stammen ursprünglich aus Auen, Flussniederungen, feuchten Wiesen oder lichten Gehölzbereichen. Entsprechend bevorzugen sie nährstoffreiche, frische bis feuchte Böden. Es gibt jedoch auch Arten, die mit sonnigen und vergleichsweise trockenen Standorten zurechtkommen. Entscheidend ist deshalb, die Pflanzen nicht allein nach ihrer Grösse auszuwählen, sondern auch ihre unterschiedlichen Standortansprüche zu berücksichtigen.
Verwendungsmöglichkeiten von Grossstauden
Anders als Gehölze verändern Grossstauden ihr Erscheinungsbild im Laufe des Jahres vollständig. Nach der winterlichen Ruhe treiben sie im Frühjahr neu aus, entwickeln innerhalb weniger Wochen eine beachtliche Blattmasse und erreichen im Sommer ihre volle Höhe. Mit dem Einsetzen der Fröste sterben die oberirdischen Pflanzenteile bei den meisten Arten wieder ab.
Gerade diese Dynamik macht einen besonderen Reiz aus. Während Gehölze über Jahre hinweg eine weitgehend gleichbleibende Struktur bilden, gestalten Grossstauden den Garten gewissermassen in jeder Vegetationsperiode neu. Sie können Räume entstehen lassen, Blickachsen verändern und selbst vertrauten Gartenbereichen ein anderes Erscheinungsbild verleihen.
Ornamentale Stauden als Sichtschutz
Eine der interessantesten Verwendungsmöglichkeiten ist der saisonale Sichtschutz. Hochwachsende Stauden können Sitzplätze abschirmen, Grundstücksgrenzen auflockern oder innerhalb des Gartens einzelne Bereiche voneinander trennen. Im Gegensatz zu einer immergrünen Hecke bleibt der Raum während der Wintermonate offen und lichtdurchflutet.
Allerdings ist zu berücksichtigen, dass Grossstauden ihre endgültige Höhe erst im Laufe des Frühsommers erreichen. Wer bereits im April einen vollständig geschützten Sitzplatz benötigt, wird mit ihnen allein kaum auskommen. In solchen Fällen lassen sich die Pflanzen mit leichten Holzelementen, Rankgerüsten oder anderen baulichen Strukturen kombinieren.
Besonders geeignet sind Arten mit dichtem, aufrechtem Wuchs. Der Riesen-Knöterich (Persicaria polymorpha) beispielsweise bildet grosse, geschlossene Horste, die im Sommer einen wirkungsvollen Sichtschutz ergeben. Auch der Federmohn (Macleaya microcarpa) kann diese Aufgabe übernehmen, benötigt aufgrund seiner Ausbreitungsfreudigkeit allerdings ausreichend Platz.
Als Verbindungsglied zu baulichen Elementen
Akzente setzen, betonen, ausbalancieren – je nach Standort lassen sich mit Grossstauden ganz unterschiedliche Wirkungen erzielen. So kann ein Wasserbecken mit dem weissen Wasserdost einen würdigen Begleiter erhalten, während der Federmohn mit seinen grossen, bläulich grünen Blättern einen reizvollen Gegensatz zu einer hohen Gartenmauer bildet.
Auch moderne Gartenarchitektur profitiert von diesen Pflanzen. Die Weidenblättrige Sonnenblume (Helianthus salicifolius) wirkt mit ihren schmalen, herabhängenden Blättern fast wie eine lebende Skulptur. Frei stehend in einem lichtdurchfluteten Innenhof kann sie eine ähnliche gestalterische Wirkung entfalten wie ein sorgfältig ausgewähltes Gehölz.
Besonders interessant sind Grossstauden dort, wo feste bauliche Elemente zu dominant erscheinen. Ihre beweglichen Blätter und Blütenstände schaffen einen weichen Übergang zwischen Architektur und Bepflanzung. Gleichzeitig können sie durch ihre Höhe die Proportionen eines Gartenraumes ausgleichen.
Strukturbildner im Staudenbeet
Auch innerhalb grösserer Staudenpflanzungen übernehmen hochwachsende Arten wichtige gestalterische Aufgaben. Sie bilden einen Hintergrund für niedrigere Pflanzen, setzen vertikale Akzente und lenken den Blick durch eine Pflanzung. Besonders reizvoll ist dabei das Zusammenspiel unterschiedlicher Blattgrössen und Wuchsformen.
Eine Riesen-Wiesenraute wie Thalictrum ‘Elin’ besitzt trotz ihrer beachtlichen Höhe eine erstaunlich transparente Wirkung. Ihre feinen Blütenstände lassen den Blick hindurchgleiten und vermitteln Leichtigkeit. Ganz anders erscheint die Durchwachsene Silphie (Silphium perfoliatum), deren kräftige Stängel und grosse Blätter eine geschlossene, markante Struktur bilden.
Bei der Kombination mit anderen Stauden muss allerdings die Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe berücksichtigt werden. Starkwüchsige Arten können schwächere Nachbarn verdrängen oder beschatten. Deshalb sollten Grossstauden genügend Entwicklungsraum erhalten und möglichst mit Pflanzen kombiniert werden, die ähnliche Standortansprüche besitzen.
Vierzehn eindrucksvolle Grossstauden für den Garten
Die folgende Auswahl umfasst sowohl bewährte Gartenstauden als auch einige weniger bekannte Arten. Ihre Wuchshöhen sind Richtwerte, die je nach Standort, Bodenbeschaffenheit und Wasserversorgung unterschiedlich ausfallen können.
| Pflanze | Wuchshöhe und Standort |
|---|---|
| Riesen-Wiesenraute – Thalictrum ‘Elin’ | 200–250 cm · Sonnig bis halbschattig, frischer Boden. Luftige, violettrosa Blütenstände. |
| Riesen-Sonnenblume – Helianthus ‘Sheila’s Sunshine’ | 250–300 cm · Sonnig, frischer bis mässig feuchter Boden. Sehr späte hellgelbe Blüte. |
| Weidenblättrige Sonnenblume – Helianthus salicifolius | 200–250 cm · Sonnig, durchlässiger Boden. Verträgt zeitweilige Trockenheit. |
| Riesen-Spierstaude – Filipendula kamtschatica | 180–250 cm · Sonnig bis halbschattig, feuchter Boden. Cremeweisse Blütenstände. |
| Weisser Wasserdost – Eutrochium fistulosum ‘Album’ | 180–250 cm · Sonnig bis halbschattig, frischer bis feuchter Boden. Weisse Blütendolden. |
| Echter Alant – Inula helenium | 150–250 cm · Sonnig bis halbschattig, nährstoffreicher Boden. Grosse gelbe Blüten. |
| Federmohn – Macleaya microcarpa ‘Kelway’s Coral Plume’ | 200–250 cm · Sonnig bis halbschattig. Stark ausbreitungsfreudig. |
| Vernonie – Vernonia crinita | 150–200 cm · Sonnig, frischer Boden. Violette Herbstblüte. |
| Riesen-Schuppenkopf – Cephalaria gigantea | 180–250 cm · Sonnig, durchlässiger bis frischer Boden. Hellgelbe Blüten. |
| Riesen-Knöterich – Persicaria polymorpha | 150–200 cm · Sonnig bis halbschattig, frischer Boden. Horstbildend. |
| Durchwachsene Silphie – Silphium perfoliatum | 180–250 cm · Sonnig, tiefgründiger, frischer Boden. Gelbe Blüten. |
| Riesen-Sonnenhut – Rudbeckia maxima | 150–220 cm · Sonnig, frischer Boden. Blaugrünes Laub. |
| Kandelaber-Ehrenpreis – Veronicastrum virginicum ‘Fascination’ | 150–180 cm · Sonnig bis halbschattig, frischer Boden. Violettrosa Blütenkerzen. |
| Wald-Geissbart – Aruncus dioicus | 150–200 cm · Halbschattig, humoser, frischer Boden. Cremeweisse Blütenrispen. |
Riesen-Knöterich: Ein imposanter Solitär
Persicaria polymorpha gehört zu den eindrucksvollsten Grossstauden für grössere Gartenanlagen. Bereits im Frühsommer entwickelt die Pflanze umfangreiche cremeweisse Blütenrispen, die über dem kräftigen Laub stehen. Mit einer Höhe von bis zu zwei Metern kann ein ausgewachsener Horst beinahe die Wirkung eines kleinen Strauches erreichen.
Anders als die problematischen, stark rhizombildenden asiatischen Staudenknöteriche wächst diese Art überwiegend horstig. Dennoch benötigt sie genügend Platz, denn ältere Exemplare können beträchtliche Ausmasse erreichen. Besonders schön wirkt sie als Einzelpflanze vor dunklen Gehölzen oder als sommerlicher Sichtschutz.
Riesen-Sonnenhut: Eleganz auf langen Stielen
Eine ungewöhnliche Erscheinung ist Rudbeckia maxima. Ihre grossen, blaugrünen Grundblätter bilden einen markanten Kontrast zu den schlanken Blütenstielen, die weit über das Laub hinausragen. An deren Enden erscheinen gelbe Blüten mit auffällig dunklen, kegelförmigen Blütenböden.
Trotz ihrer Höhe wirkt diese nordamerikanische Staude ausgesprochen leicht. Sie eignet sich hervorragend für naturnahe Pflanzungen, grössere Präriebeete und Kombinationen mit hohen Ziergräsern. Auf ausreichend frischen Böden entwickelt sie sich besonders gut, verträgt nach dem Anwachsen aber auch kürzere Trockenperioden.
Durchwachsene Silphie: Eine Staude mit ungewöhnlichem Blattwerk
Die Durchwachsene Silphie (Silphium perfoliatum) fällt nicht nur durch ihre Grösse auf. Ihre gegenständigen Blätter sind an der Basis miteinander verwachsen und bilden kleine schalenartige Vertiefungen, in denen sich nach Regen Wasser sammeln kann. Darüber erscheinen im Sommer zahlreiche gelbe Blüten.
Mit ihrem kräftigen Wuchs eignet sie sich besonders für grosszügige, naturnahe Pflanzungen. In kleinen Staudenbeeten kann sie allerdings schnell zu dominant werden. Zudem sollte ihre Selbstaussaat beobachtet werden, wenn eine unerwünschte Ausbreitung verhindert werden soll.
Gunnera: Ein Gigant unter den Blattschmuckstauden
Kaum eine andere Staude erreicht eine derart monumentale Blattwirkung wie das Mammutblatt. Unter günstigen Bedingungen können seine grossen, rundlichen Blätter Durchmesser von weit über einem Meter erreichen. An ausreichend feuchten Standorten entstehen dadurch beinahe urwaldartige Gartenbilder.
Allerdings ist die Kultur anspruchsvoll. Die Pflanzen benötigen viel Platz, einen nährstoffreichen, dauerhaft feuchten Boden und einen möglichst geschützten Standort. Besonders empfindlich ist die Pflanzenkrone, die in winterkalten Regionen sorgfältig gegen Frost geschützt werden muss. Dazu kann eine dicke, locker aufgebaute Abdeckung aus Laub oder Stroh dienen, die möglichst vor dauerhafter Durchnässung geschützt wird.
Hinzu kommt eine botanische Besonderheit: Viele Pflanzen, die im Handel lange unter dem Namen Gunnera manicata angeboten wurden, gehören nach neueren Untersuchungen zur Hybride Gunnera × cryptica. Da diese mit der invasiven Art Gunnera tinctoria verwandt ist, bestehen in verschiedenen Ländern Beschränkungen für ihre Verwendung. Vor einer Neupflanzung sollten deshalb die botanische Identität und die geltenden Vorschriften geprüft werden.
Für gewöhnliche Hausgärten ist das Mammutblatt aufgrund seiner Grösse, seines Wasserbedarfs und des aufwendigen Winterschutzes ohnehin nur bedingt geeignet. Als Beispiel für die aussergewöhnliche Wirkung monumentaler Blattstrukturen bleibt es jedoch faszinierend.
Pflanzabstände und Platzbedarf richtig einschätzen
Eine häufig unterschätzte Eigenschaft von Grossstauden ist ihr seitlicher Platzbedarf. Während junge Pflanzen im ersten Jahr oft noch vergleichsweise bescheiden wirken, können sich ältere Exemplare zu umfangreichen Horsten entwickeln. Wer sie zu dicht pflanzt, muss später mit Konkurrenzproblemen und einem erhöhten Pflegeaufwand rechnen.
Für viele grosse, horstbildende Arten sollte je nach Wuchsform ungefähr ein bis anderthalb Meter Entwicklungsraum eingeplant werden. Besonders kräftige Pflanzen wie Persicaria polymorpha benötigen häufig noch mehr Platz. Bei ausläuferbildenden Arten ist zusätzlich zu berücksichtigen, wie weit sie sich im Laufe der Jahre ausbreiten können.
Auch die Standfestigkeit verdient Aufmerksamkeit. Hohe Stauden mit grossen Blättern oder schweren Blütenständen sind an windexponierten Standorten besonders gefährdet. Ein geschützter Pflanzplatz und eine ausreichende Wasserversorgung fördern kräftige, stabile Triebe. Wo nötig, können unauffällige Staudenstützen eingesetzt werden.
Rückschnitt und Pflege
Die meisten Grossstauden ziehen sich im Herbst vollständig in ihre unterirdischen Überdauerungsorgane zurück. Ihre abgestorbenen Triebe können im Spätherbst entfernt werden, müssen es aber nicht. Gerade standfeste Stängel und Samenstände besitzen auch im Winter einen gestalterischen Wert und bieten verschiedenen Insekten Rückzugsmöglichkeiten.
Ein Rückschnitt im ausgehenden Winter ist deshalb häufig die bessere Wahl. Dabei werden die abgestorbenen Pflanzenteile bodennah entfernt, bevor der neue Austrieb beginnt. Besonders kräftige, hohle Stängel können zunächst teilweise stehen bleiben, wenn sie als Überwinterungsquartier für Insekten dienen sollen.
Bei der Nährstoffversorgung richten sich die Massnahmen nach den jeweiligen Pflanzen. Starkwüchsige Arten auf frischen, nährstoffreichen Standorten profitieren von einer gelegentlichen Kompostgabe. Trockenheitsverträgliche Stauden benötigen dagegen nicht zwangsläufig zusätzliche Düngung. Auch eine Mulchschicht ist vor allem dort sinnvoll, wo ein gleichmässig feuchter Boden erwünscht ist.
Mehr Mut zu grossen Pflanzen
Grossstauden eröffnen Gestaltungsmöglichkeiten, die im Hausgarten häufig unterschätzt werden. Sie schaffen Höhe, ohne dauerhaft den Raum einzunehmen, und verbinden die Lebendigkeit einer Staudenpflanzung mit der räumlichen Wirkung von Gehölzen. Besonders reizvoll ist ihre Entwicklung vom ersten Austrieb bis zur imposanten Sommergestalt.
Wer bei der Pflanzenauswahl gelegentlich die üblichen Wege verlässt und auch stattliche Arten berücksichtigt, kann selbst vertrauten Gartenbereichen einen völlig neuen Charakter verleihen. Voraussetzung ist lediglich, die spätere Grösse und die jeweiligen Standortansprüche von Anfang an einzuplanen.
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