178 Wildbienenarten in einem einzigen Privatgarten
Wie viel Artenvielfalt kann ein privater Garten beherbergen? Eine wissenschaftliche Untersuchung aus Österreich liefert eine erstaunliche Antwort: In einem naturnah gestalteten Garten wurden insgesamt 178 Wildbienenarten nachgewiesen. Darunter befinden sich zahlreiche seltene, gefährdete und hoch spezialisierte Arten.
Ein Privatgarten kann weit mehr sein als eine gepflegte Grünfläche rund um das Haus. Das zeigt eine Untersuchung der Forschenden Jasmin Hackl und Stefan Dötterl von der Universität Salzburg. Sie untersuchten einen rund 3'700 Quadratmeter grossen Naturgarten in Österreich, dessen Gestaltung und Pflege gezielt auf die Förderung von Wildbienen ausgerichtet sind.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: Insgesamt konnten 178 verschiedene Wildbienenarten nachgewiesen werden. Die Erhebungen fanden hauptsächlich an sieben Untersuchungstagen im Jahr 2024 statt und wurden durch sporadische Beobachtungen aus den Jahren 2021 bis 2023 ergänzt. Auch im Vergleich mit verschiedenen botanischen Gärten erwies sich die Artenvielfalt auf der untersuchten Fläche als aussergewöhnlich hoch.
Entscheidend ist die Vielfalt der Lebensräume
Der untersuchte Garten zeichnet sich durch eine besonders abwechslungsreiche, kleinräumige Gestaltung aus. Unterschiedliche Lebensräume liegen dicht nebeneinander und bieten den Wildbienen verschiedene Möglichkeiten zur Nahrungssuche und Fortpflanzung. Hinzu kommt eine grosse Vielfalt heimischer Pflanzenarten.
Das ist entscheidend, denn Wildbienen stellen sehr unterschiedliche Ansprüche an ihre Umgebung. Während manche Arten ein breites Spektrum an Blüten besuchen, sind andere auf den Pollen bestimmter Pflanzengruppen angewiesen. Auch die Nistplätze unterscheiden sich erheblich: Viele Arten graben ihre Nester im Boden, andere nutzen vorhandene Hohlräume oder abgestorbene Pflanzenstängel.
Ein Garten, der lediglich aus einer Blumenwiese und einem Insektenhotel besteht, kann deshalb längst nicht allen Arten gerecht werden. Erst das Zusammenspiel unterschiedlicher Strukturen und eines möglichst kontinuierlichen Blütenangebots schafft Lebensräume für eine grössere Zahl von Wildbienenarten.
Heimische Pflanzen spielen eine wichtige Rolle
Ein zentrales Merkmal des untersuchten Naturgartens ist die hohe Vielfalt einheimischer Pflanzen. Sie stellen Nektar und Pollen bereit und sind insbesondere für spezialisierte Wildbienenarten von Bedeutung. Solche Arten können nicht beliebig auf andere Blüten ausweichen, wenn ihre bevorzugten Nahrungspflanzen fehlen.
Für die Gestaltung eines wildbienenfreundlichen Gartens bedeutet dies, dass nicht allein die Anzahl der Blüten zählt. Ebenso wichtig ist die Auswahl geeigneter Pflanzen, deren Blütezeiten sich möglichst über die gesamte Vegetationsperiode verteilen. Früh blühende Gehölze und Stauden sind dabei ebenso wertvoll wie Pflanzen, die im Hochsommer und Herbst Nahrung bieten.
Nicht jeder Quadratmeter muss aufgeräumt sein
Neben dem Nahrungsangebot benötigen Wildbienen geeignete Plätze für ihre Nester. Offene, möglichst ungestörte Bodenstellen können für bodennistende Arten besonders wichtig sein. Abgestorbene Pflanzenstängel, Totholz und andere natürliche Strukturen bieten weiteren Arten Nistmöglichkeiten.
Eine allzu intensive Gartenpflege kann solche Lebensräume unbeabsichtigt zerstören. Werden sämtliche Pflanzenreste entfernt, offene Bodenstellen abgedeckt und verblühte Stauden unmittelbar zurückgeschnitten, verschwinden auch potenzielle Nistplätze. Ein naturnaher Garten darf deshalb bewusst Bereiche enthalten, in denen sich die Natur weitgehend ungestört entwickeln kann.
Auch der Verzicht auf Pestizide gehört zu den wesentlichen Grundsätzen einer wildbienenfreundlichen Gartenbewirtschaftung.
Was lässt sich auf kleinere Gärten übertragen?
Mit rund 3'700 Quadratmetern ist der untersuchte Garten deutlich grösser als viele gewöhnliche Hausgärten. Die nachgewiesene Artenzahl darf deshalb nicht als Massstab für kleinere Grundstücke verstanden werden. Dennoch lassen sich wichtige Erkenntnisse auf nahezu jede Gartengrösse übertragen.
Schon eine kleine Fläche mit heimischen Wildstauden, ein sonniger Bereich mit offenem Boden oder eine ungestörte Ecke mit abgestorbenen Pflanzenstängeln kann zusätzliche Lebensräume schaffen. Besonders wertvoll wird ein Garten, wenn solche Elemente miteinander kombiniert werden und über das ganze Jahr hinweg geeignete Nahrungspflanzen vorhanden sind.
Die Untersuchung zeigt eindrücklich, dass private Gärten einen bedeutenden Beitrag zum Schutz der Wildbienen leisten können. Entscheidend ist dabei nicht eine möglichst perfekte Gestaltung, sondern die Vielfalt an Pflanzen, Strukturen und Lebensbedingungen. Gerade diese Vielfalt macht einen Garten für zahlreiche unterschiedliche Arten interessant.
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